Westcoast

[Sebastian 21.02.2015]
Unterwegs seit 100 Tagen! Wir haben mächtig gestaunt, als uns diese Botschaft in Hokitika beim täglichen Blogkommentarcheck ins Auge fiel. (Vielen Dank übrigens an dieser Stelle für die vielen mutigen öffentlichen Kommentatoren, aber auch für die vielen persönlichen Grüße und Informationen aus der Heimat per eMail.)

Die zentrale Turmuhr in Hokitika zeigt uns, was die Stunde geschlagen hat.

Die zentrale Turmuhr in Hokitika zeigt uns, was die Stunde geschlagen hat.

Im ersten Augenblick erschrickt man, wie schnell die Zeit verflogen ist. Andererseits haben wir auch schon unglaublich viel erlebt. Die vielen Eindrücke haben wir bislang sehr gut verarbeitet, ohne dabei unsere Neugier zu verlieren. Wir haben uns gut an alle Länder, Klimabedingungen, kulinarischen Herausforderungen und das unstete Reiseleben aus dem Rucksack angepasst. Große Katastrophen blieben uns zum Glück erspart und auch die Kalkulation der Reisekasse ist deutlich im grünen Bereich. Es gibt nichts was wir übermäßig vermissen. (Es gibt allerdings schon eine kleine Liste von Sachen, auf die wir uns bei unserer Rückkehr freuen. Manches gibt es einfach nur in Deutschland.) Einzig Zeit kann man gar nicht genug haben. Wir haben oft soviel vor (lokale Attraktionen, Wanderungen, Schule, Bücher lesen, Nachrichten, Filme, lecker kochen, mit anderen Reisenden und locals schnacken, Reiseplanung, programmieren, Spiele spielen, Wäsche waschen, eMails, Tagebuch, Blog schreiben, Fotos sortieren – und löschen – …), dass die Tage gern auch länger sein könnten.

Ein Picknick unterwegs am Fluss. Soviel Zeit muss sein.

Ein Picknick unterwegs am Fluss. Soviel Zeit muss sein.

Unsere Reise hat uns von Wanaka über den Haast Pass an die Westcoast (z.T. auch Wetcoast genannt) der Südinsel geführt. Da sich das Wetter aus dem Westen an den Soutern Alps abregnet, herrscht dort ein sehr feuchtes Klima mit vielen Niederschlägen (von denen wir glücklicherweise weitgehend verschont blieben). Direkt nach der Passhöhe waren wir von üppigem Farnregenwald umgeben. In diesem Landesteil ist leider auch die Hochburg der Sandflies – mistige kleine Blutsauger, deren Bisse einen lange begleiten.

Endlich sind wir in dem Wald, von dem Oma immer so geschwärmt hat.

Endlich sind wir in dem Wald, von dem Oma immer so geschwärmt hat.

Ein Highlight dieses Landstrichs sind die beiden Gletscher Fox und Franz Josef, die sich von den Hochalpen bis hinunter in den Regenwald erstrecken – zumindest war das vor 12 Jahren so! (Die Wanderung zur Gletscherzunge des Fox Glaciers und die geführte Tour auf dem Franz Josef Glacier waren Höhepunkte unserer ersten gemeinsamen Neuseelandreise.) Leider haben sich beide Gletscher mittlerweile sehr weit zurückgezogen und reichen nicht mehr bis ins Tal.

Vor 12 Jahren reichte der Fox-Gletscher noch bis weit hinter unseren Aussichtspunkt.

Vor 12 Jahren reichte der Fox-Gletscher noch bis weit hinter unseren Aussichtspunkt.

Touren auf den Gletschern sind nur noch per Helihike möglich. Das war uns dann jedoch etwas zu teuer (ca. 300€ p.P.). Wir haben stattdessen eine Wanderung zu den beiden Gletscherzungen unternommen. Diesen kann man sich jeweils auf bis zu ca. 200m nähern, dann kommt man nicht weiter. Es ist eigenartig, wenn man auf dem Grund eines Tals wandert, in dem man Jahre vorher 20m höher über Eis gekraxelt ist.

An den gebänderten Felsen rechts sind wir damals seitlich in den Gletscher eingestiegen.

An den gebänderten Felsen rechts sind wir damals seitlich in den Gletscher eingestiegen. Heute ist die Gletscherzunge ca. 1km entfernt.

Nach zwei Tagen Geographie am „lebenden Objekt“ stand dann Geschichtsunterricht auf dem Plan. Wir besuchten die alte Goldgräber- und spätere Holzfällerstadt Shantytown. Hier wurde  eindrucksvoll mit liebevoll restaurierten und rekonstruierten Häusern sowie weiteren Exponaten der alte Ort zum Leben erweckt.

Shantytown

King Dicks Cafe ist historisch nicht ganz korrekt, erfüllt aber hervorragende heutige Bedürfnisse.

Viele Schautafeln und einige (Figuren von) Zeitzeugen erzählten sehr bildhaft vom einfachen und harten Leben zu dieser Zeit.

Andere Zeiten, andere Sitten.

Andere Zeiten, andere Sitten.

Die Kinder versuchten dann ihr Glück und haben (mit Erfolg!) eigenhändig Gold gewaschen. (Am Anfang glaubt man kaum, in der Schale Schlamm irgendetwas zu finden, bis ganz zum Schluss doch ein paar Krümel echtes Gold am Pfannengrund blinkend übrig bleiben.) Die Ausbeute nach dem zeitintensiven Waschen ist allerdings so gering, dass die Kinder von einer Ausweitung des Geschäfts absehen.

Man nehme: eine verbeulte Pfanne, etwas Flussschlamm, Wasser, die richtige Technik und viel Geduld ...

Man nehme: eine verbeulte Pfanne, etwas Flussschlamm, Wasser, die richtige Technik und viel Geduld …

Auf Geschichte folgt Werkunterricht. Diesmal allerdings in der Theorie. Hokitika (die Gegend, wo voraussichtlich der erste Europäer, der Holländer Abel Tasman, am 13.12.1642 erstmals Neuseeland zu Gesicht bekam – daher auch der Name nach einer holländischen Provinz „Nieuw Zeeland“) ist heute das Zentrum für Jadebearbeitung. In vielen Läden kann man einen Blick in die Werkstätten werfen, wo die harten, grünen (von außen unscheinbaren) Steine in die (zumeist) traditionellen Formen der Maorikultur geschliffen werden. Beeindruckend, wie stark die Farben (inkl. der Einschlüsse), die individuellen Formen (selbst gleicher Grundformen) und der Glanzgrad variieren. Von billiger Fabrikware abgesehen ist dadurch jedes Stück ein Unikat.

Der ganze Strand war übersäht mit Exponaten des driftwood art festivals.

Der ganze Strand in Hokitika war übersät mit Exponaten des driftwood art festivals.

Im Anschluss noch eine Prise Biologie. In einem Kiwi Wildlife Centre konnten wir echte Kiwis (nicht die Früchte, nicht die Einwohner, sondern die Vögel) in einem Gehege sehen. (Die Kiwis werden dort mit einem künstlich verschobenen Tagesrhythmus veralbert, damit die scheuen, nachtaktiven Tiere von mucksmäuschenstillen Touristen in Aktion beobachtet werden können.) Außerdem konnten die Kinder dort 80-120 Jahre alte weibliche Riesenaale füttern (die es „natürlich“ nur in Neuseeland gibt).

Sportunterricht: Steinewerfen am Meer.

Sportunterricht: Steinewerfen am Meer.

Weiter die Küste hoch liegen die Pancake Rocks von Punakaiki, die ihren Namen einer Limestone-Formation verdanken, die aussieht wie gestapelte Pfannkuchen. Bei richtigem Seegang und/oder Flut brechen sich die Wellen so heftig in dem Fels- und Höhlengewirr, dass die Gischt durch sogenannte Blowholes dutzende Meter in die Luft schießt. Wir erwischen zwar die Flut, allerdings haben die Wellen für dieses Schauspiel nur selten die nötige Wucht.

Bei stürmischen Seegang sollen die Blowholes noch spektakulärer aussehen.

Bei stürmischen Seegang sollen die Blowholes noch spektakulärer aussehen.

Dann kann man wenigstens am Strand baden gehen – nahmen wir an. Aber Pustekuchen – die Dünung der fast glatten Tasmanischen See baute sich am Strand zu imposanten Wellenbergen auf. Von unserem kurzen aber heftigen kalifornischen Wellenabenteuer vor zwei Jahren nachhaltig beindruckt, beschränken sich die Kinder auf ein Spiel mit (anstatt in) den Wellen.

Sind das Sandflies? Oder was fliegt da?

Sind das Sandflies? Oder was fliegt da?

Hinterher wurden noch einige Tonnen Steine gesammelt, die zu Hause aufwändig gewaschen, getrocknet und sortiert wurden. (Mal sehen, wie ich den Plunder wieder unauffällig los werde.)

Wir waren sehr gespannt, was uns die nächsten 2,5km erwartet.

Wir waren sehr gespannt, was uns die nächsten 2,5km erwartete.

3 Gedanken zu „Westcoast

  1. Martin und Josi

    Hallo ihr Lieben,

    Eure Karte hat einen schönen Platz bei uns im Flur. Wir hätten aber gern noch eine :) wann gibt es die nächsten Rätsel?

    Liebe Grüße
    J+M

    Antworten
  2. Anne & Dieter

    Es war, ist und bleibt spannend bei euch. Wir haben alles mit großem Vergnügen und einigen Erinnerungen gelesen. Auch “das-mit-den-Steinen” kommt uns bekannt vor … wir sagen nur “Rügen”. Unsere lieben Grüße für euch versuchen wir heute aus Funchal abzuschicken … zweiter Versuch …?! OVDieter und OMAnne

    Antworten

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